Der ‚Trauma‘-Begriff hat in den vergangenen Jahren zum einen in den akademischen Diskursen zu intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzungen geführt und ist zum anderen breit in die Medien- und Alltagssprache eingegangen. Der mittlerweile geradezu inflationäre Gebrauch von ‚Trauma‘ zeugt von der zunehmenden Psychologisierung kultureller, historischer und sozialer Phänomene.
In der zusehends anwachsenden Forschungsliteratur in den unterschiedlichen disziplinären Feldern wie der Psychologie, Psychiatrie, Literatur- und Kulturwissenschaft entstand eine Bedeutungsvielfalt, die dieses Forschungsfeld sehr unübersichtlich macht. Die Notwendigkeit, differenzierte Blicke auf die jeweiligen Bezugnahmen der Einzeldisziplinen auf Traumakonzepte der Nachbarbereiche zu werfen, ergibt sich nicht allein aus der Tatsache, auf gemeinsame ‚Ursprünge‘ (wie Freud) zu rekurrieren, sondern auch daraus, daß die sachliche Schnittstelle eines gemeinsamen Interesses besteht, individuelle und überindividuelle Faktoren zusammenzudenken.
Während in Psychologie/Psychiatrie oft individuelles Erleben und „Symptome“ in Hinblick auf pragmatische Fragen (Diagnostik/Therapie) im Vordergrund stehen, wird „Trauma“ in den Kultur- und Literaturwissenschaften als Deutungsmuster für überindividuelle kulturelle, geschichtliche und gesellschaftliche Phänomen herangezogen.
Im Sommer 2004 traf sich ein Kreis an ‚Trauma‘ interessierter und zum Thema arbeitender Nachwuchswissenschaftlerinnen in Berlin, um im interdisziplinären Austausch Schlaglichter auf die Bedeutungsvielfalt des Begriffs ‚Trauma‘ zu werfen und in der gegenseitigen Vermittlung der heterogenen Verwendungen darüber zu diskutieren, wie er je sinnvoll anwendbar sein kann. Es wurde die Chance gesehen, in der transdisziplinären Vermittlung zwischen den individualpsychologischen und kollektiv orientierten Deutungsansätzen und Verwendungen wechselseitig befruchtende Einsichten zu erlangen, die jenseits von Verflachung oder reiner Metaphorisierung von ‚Trauma‘ liegen.
Die vorliegenden vier Beiträge sind die überarbeiteten impulsgebenden Vorträge dieses Workshops, der auf lebhaftes Interesse stieß und facettenreiche Diskussionen zum Bereich ‚Trauma‘ ermöglichte. Unterstützt wurde das Treffen durch die Heinrich Böll Stiftung, der wir für ihre Unterstützung danken.
Ilka Lennertz geht in ihrem Beitrag anhand von für die Theoriebildung bedeutsamen Beispielen auf die Forschungsgeschichte und Entwicklung des Trauma-Begriffes in der Psychoanalyse und in der klinischen Psychologie ein, um damit eine Diskussionsgrundlage für eine interdisziplinären Auseinandersetzung über Schnittstellen und Differenzen der verschiedenen Traumadiskurse zu schaffen.
Karin Windt zeichnet in ihrem Aufsatz - neben einem kurzen Blick auf den allgegenwärtigen Referenzpunkt Freud - tragende Schauplätze dieses inzwischen zum umfassenden kulturellen Deutungsmuster gewordenen Begriffes innerhalb der heutigen Literatur- und Kulturtheorie im Kontext der Holocaustdebatten nach. Sie erläutert die Kreuzungspunkte, an denen die individualpsychologische Kategorie der traumatischen Erfahrung metapsychologisch auf Kultur, Geschichte und kollektives Gedächtnis bezogen wurde und werden kann.
Im Anschluss an diese beiden theoretisch orientierten Beiträge befasst sich Anna Lipphardt auf empirischer Ebene mit der kollektiven und individuellen Kulturarbeit der Wilnaer Juden in der Diaspora, welche entscheidend vom Trauma des Holocaust geprägt ist. Dabei widmet sie sich vorrangig Orten, Trauerorten und -riten, an denen die Verschränkung von (transnationaler) Trauer-, Erinnerungs- und Kulturarbeit sowie von individueller Trauer und gemeinschaftlichem Gedenken besonders deutlich wird – „Trauma“ ist dabei Voraussetzung und integraler Bestandteil dieser Erinnerungsarbeit.
Abschließend wirft Kathrin Groninger einen kritischen Blick auf die psychotherapeutische Arbeit im Kontext globaler Menschenrechtsverletzungen vor dem Hintergrund ihrer Praxiserfahrung im Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen. Ihr Beitrag widmet sich der Frage, ob die ‚Traumaregelungen’ für bosnische und kosovarische Bürgerkriegsflüchtlinge aus psychologischer Sicht zur gesellschaftlichen Anerkennung der Leiden führen oder ob sie nicht die Tendenz zur Verleugnung von Gewalt verstärken und allenfalls ein Instrument der Verwaltung darstellen. Dabei wird erkennbar, auf welche Weise der „Trauma“-Begriff gegenwärtig im politischen Diskurs verwendet und im Sinne machtpolitischer Verhältnisse instrumentalisiert wird.
Abstracts
Trauma-Modelle in Psychoanalyse und klinischer Psychologie
Ilka Lennertz
Enger als bei anderen psychischen Phänomenen ist die Geschichte der Erforschung psychischer Traumata mit dem jeweiligen gesellschaftlichen und historischen Kontext verbunden, und die Entwicklung der Traumatheorie in Psychoanalyse und klinischer Psychologie kann nur vor diesem Hintergrund verstanden werden. Diese Verwobenheit ist der Tatsache geschuldet, dass bei „Trauma“ einem äußeren Ereignis (für die Theoriebildung waren insbesondere die Auseinandersetzung mit sexuellem Missbrauch und mit dem Holocaust entscheidend) per Definition eine ätiologische Relevanz zugeschrieben wird und sich hieraus eine kulturelle, gesellschaftliche und historische Dimension ergibt. Die Bedeutung dieses äußeren unter Umständen historischen - Ereignisses bleibt jedoch aufgrund der mit einer Traumatisierung einhergehenden paradoxen Gedächtnisphänomene („Nicht-Erinnern“ vs. „Übererinnern“, „Registration“ statt „Repräsentation“, Nachträglichkeit, transgenerationale Vermittlung) sowohl auf individueller, als auch auf über-individueller Ebene mit einer fundamentalen Unsicherheit verbunden. An dieser Stelle ergeben sich Dialogmöglichkeiten zwischen der klinisch-empirisch orientierten psychoanalytischen Modellbildung und der kultur- und literaturwissenschaftlichen Verwendung des Traumabegriffes.
In meinem Beitrag möchte ich anhand für die Theoriebildung bedeutsamer Beispiele auf Forschungsgeschichte und Entwicklung des Trauma-Begriffes in der Psychoanalyse und in der klinischen Psychologie eingehen, um damit von dieser Seite eine Diskussionsgrundlage für eine interdisziplinäre Auseinandersetzung über Schnittstellen und Differenzen der verschiedenen Traumadiskurse zu schaffen.
Das Trauma als Narrativ und kulturelles Deutungsmuster
Karin Windt
Der Aufsatz stellt wichtige Positionen vor, die sich mit „Trauma“ als kulturellem Narrativ beschäftigen. Beginnend mit Freuds Einführung des Traumakonzeptes in die Psychoanalyse erläutere ich „Trauma“ in bezug auf dessen Zusammenhang mit Freuds Begriffen des „Schocks“ und der „Nachträglichkeit“. Anhand seiner metapsychologischen Lektüre der jüdischen Religionsgeschichte als Phänomen der „Nachträglichkeit“ zeige ich auf, daß und wie Freud einen Sprung von individal- zu kollektivpsychologischer Interpretation vornimmt.
Heute ist die Vorstellung/der Begriff von „Trauma“ eng mit dem Holocaust verbunden. Weigels symptomale Lektüre historischer Prozesse betont die Wichtigkeit, das konkret Geschehene im Auge zu behalten und Ereignis-Spuren in Mythisierungen und Verdrängungsprozessen aufzufinden und zu lesen. Wie Ecker an Texten jüdischer Autorinnen aufzeigte, sind jene Repräsentationen individueller psychischer Verarbeitung, und sie verhindern mittels ihres inkohärenten Sprachgebrauchs eine Reduktion der Texte auf eine verallgemeinernde Stellvertreterfunktion. Die heute besonders bedeutsame Frage der Erzählbarkeit wurde durch das Konzept der testimony/Zeugenschaft von Felman/Laub erweitert. Beendet wird der Artikel mit einem kritischen Blick auf Caruth“ Arbeiten. Caruth konzeptionalisiert Historiographie als Trauma. Dieser Wechsel in Hinsicht auf „Trauma“ wurde für seine universalisierenden Tendenzen kritisiert.
Topographien des Todes - Grabstätten, Trauerriten und Gedenkveranstaltungen der „Vilne-Diaspora“ nach dem Holocaust. Kulturwissenschaftliche Annäherung an den „Trauma“-Begriff
Anna Lipphardt
Meine Dissertation ist an der Schnittstelle von Migrationswissenschaft, jüdischer Geschichte und der Theorie zum kulturellen/kollektiven Gedächtnis ausgerichtet, und untersucht anhand der überlebenden Juden aus Wilna, die sich nach dem Holocaust in den USA, in Israel und in Sowjet-Litauen niederließen, wie sich diese drei Gruppen im Rahmen ihrer kollektiven Kultur- und Erinnerungsarbeit an die alte Heimat erinnern. In meiner Arbeit geht es nicht um die Entstehung von Traumata, sondern um Trauma als Voraussetzung und integraler Bestandteil kollektiver Kulturarbeit: 95% der Wilnaer Juden wurden ermordet, die Nachkriegsdiaspora inkorporiert also eine tote community, und ihre Kulturarbeit ist durch individuelle und kollektive Traumata infolge des Holocausts nachhaltig geprägt. Das Thema „Trauma“ spielt in meiner Arbeit also weniger in der Theorie(bildung) als in der Empirie eine Rolle.
Beim Workshop möchte ich deshalb einen zentralen Aspekt aus der Empirie näher beleuchten - die Trauerorte und riten, an denen die Verschränkung von (transnationaler) Trauer-, Erinnerungs- und Kulturarbeit sowie von individueller Trauer und gemeinschaftlichem Gedenken besonders deutlich wird. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den Orten, die in diesem vielschichtigen Prozess von Bedeutung sind: 1. Orte, die für die Überlebenden unmittelbar mit den Traumata des Holocausts verbunden sind wie das Wilnaer Ghetto oder Ponar, das Waldstück am Stadtrand, auf dem die Massenerschießungen stattfanden; 2. Orte, an denen Angehörige und Freunde ermordet/begraben sind, und die oft nicht bekannt, nicht mehr vorhanden oder nicht zugänglich sind; 3. Orte in der Diaspora, an denen die Überlebenden beerdigt werden, die eines „natürlichen Todes“ sterben.
Flüchtlinge und Traumabearbeitung: im Spannungsfeld ausländerrechtlicher Weisung und psychotherapeutischer Hilfe
Kathrin Groninger
Meine Idee ist es, vor dem Hintergrund meiner Praxiserfahrung im Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen in der Beratungsstelle des DRK, von Flüchtlingshilfen und Migrationsdiensten, die Handhabung des Traumabegriffs in der Praxis zu beleuchten. Die Literatur, die in den letzten Jahren aus vielen Projekten resultierte und den pragmatischen Fragen von Diagnostik und Therapie folgt, befrage ich auf ihre theoretische Basis hin und arbeite Unterschiede und Widersprüche heraus.
Des weiteren besteht mein Interesse darin, den inflationären Gebrauch des Traumabegriffs in der Praxis und die Auswirkungen auf institutioneller, behördlicher und evtl. auf wissenschaftlicher Ebene kritisch zu untersuchen. Mein Beitrag wendet sich dem Theorie-Praxis-Verhältnis zu.
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